Meinungsforschung_Globalisierung_Angst

Die Mär von der “German Angst“?

Nur wenige deutsche Begrifflichkeiten haben sich ihren Weg in den internationalen Sprachgebrauch gebahnt. „Kindergarten“, „Wanderlust“ oder „Schnitzel“ sind Beispiele für solch seltene Sprachexporte. Ein anderes - „Angst“ - wird zumeist nur in Kombination mit einem Adjektiv genutzt: „German Angst” meint die (angebliche) Neigung der Deutschen, ängstlich und zögerlich auf Veränderungen zu reagieren, in der Annahme, dass diese die bestehenden Verhältnisse zum Negativen verkehren. Experten vermuten die Ursachen dafür in den traumatischen Erfahrungen der Deutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich ins kollektive Bewusstsein gebrannt haben.

„Die Deutschen haben die Neigung, sich zu ängstigen."

Helmut Schmidt, ehemaliger Bundeskanzler

Ähnlich sah es auch Helmut Schmidt: „Die Deutschen haben die Neigung, sich zu ängstigen. Das steckt seit dem Ende der Nazi-Zeit und Krieg in ihrem Bewusstsein.“, sagte der Altkanzler 2011 in einem Interview mit dem Focus. Aber was ist wirklich dran am strukturellen Pessimismus, für den die Bundesrepublik und ihre Bürger im Ausland derart bekannt sind, dass man ihm gleich eine eigene Begrifflichkeit widmet? Was ist dran an der „German Angst“?

Angst vor Globalisierung

Die Globalisierung - also die zunehmende weltweite Verflechtung von Individuen und Institutionen über die Grenzen der Nationalstaaten hinweg - wird spätestens seit den 80er Jahren mit weitreichenden gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und technologischen Veränderungen assoziiert. Ein geeignetes Beispiel also um die „German Angst” auf die Probe zu stellen.

Vorweg: Die Frage nach der Angst vor der Globalisierung scheint die Nation zu spalten. Zwar begreift eine Mehrheit von 52,8 Prozent der Bundesbürger die internationale Verflechtung tendenziell eher als Chance denn als Risiko, allerdings stehen dem 43,5 Prozent gegenüber, bei denen das genaue Gegenteil der Fall ist. Die verbleibenden 3,7 Prozent wagen darüber keine Prognose abzugeben, sind in der Frage also unentschieden.

Umfrage Ergebnisse Globalisierung

Diese Werte sind laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2016 vergleichbar mit jenen unserer europäischen Nachbarn. In Österreich, Frankreich, Polen und Ungarn ist demnach die Skepsis hinsichtlich der Auswirkungen einer zunehmenden internationalen Vernetzung von Politik und Wirtschaft gar noch größer. Von einem exklusiven Anspruch der Deutschen auf die Angst vor einer unsicheren Zukunft kann zumindest in diesem Fall also nicht die Rede sein.

Interessant wird es, teilt man die Grundgesamtheit der Deutschen in Subgruppen auf und vergleicht diese miteinander. Da scheint die “German Angst” besonders deutlich bei Wählern der AfD und in Ostdeutschland ausgeprägt zu sein.

Umfrage Globalisierung Ergebnis Ostdeutschland Westdeutschland

Das insbesondere die Anhänger von „rechtsnationalen und populistischen Parteien” zu den besorgten Bürgern zählen, ist dabei laut Bertelsmann Stiftung ein europaweit zu beobachtendes Phänomen.

Umfrage Globalisierung Ergebnis nach Parteien

Weniger pessimistisch indes sind besonders junge Menschen sowie die Anhänger der Unionsparteien. So sehen lediglich ein Drittel der 18- bis 29-Jährigen und nicht einmal ein Viertel der Unionsanhängerschaft - Spitzenwert im Parteienvergleich - in der Globalisierung mehr Risiken als Möglichkeiten. Nicht zuletzt gilt: Je niedriger das Bildungsniveau, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen die Globalisierung als Risiko empfinden.

Was bereitet den Deutschen Sorge?

Diejenigen, die mit großer Sorge in die Zukunft blicken, haben verschiedene und gleichermaßen vielfältige Motive. Neben ganz persönlichen Belangen, wie Bedenken um die eigene Gesundheit, sind es vor allem gesellschaftliche und strukturelle Veränderungen, die den Deutschen Kopfzerbrechen bereiten. Während die Digitalisierung ein vergleichsweise unbedeutender Treiber der „German Angst” zu sein scheint - nicht einmal ein Viertel der Bevölkerung glaubt, dass die digitale Transformation den eigenen Arbeitsplatz gefährdet - bereiten insbesondere die Themen Altersarmut, Migration sowie innere und äußere Sicherheit den Bundesbürgern Sorge. So befürchten fast zwei Drittel der Bevölkerung, im Alter keine ausreichende Rente zu erhalten, drei Viertel blicken besorgt auf die Zuwanderung, jeder Zweite hat Angst vor künftigen Terroranschlägen und nahezu 80 Prozent versetzt der Ausblick auf die sicherheitspolitische Lage der Welt in Unbehagen. Dazu kommt die Furcht vor auch in Deutschland spürbaren Folgen des Klimawandels sowie Besorgnis um eine Beteiligung der Bundesrepublik an einem Krieg.

Sorgen Deutschland

Bei den Umfragen handelt es sich um laufende Befragungen. Ergebnisse im Life-Umfragetool werden in Echtzeit ermittelt und können daher von den hier aufgeführten Ergebnissen abweichen. Civey hat von August bis November mehr als 5.000 Teilnehmer pro Umfrage repräsentativ befragt. Der statistische Fehler für die Gesamtergebnisse beträgt jeweils 2,5 Prozent.

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