Streaming

Generation Netflix

Streaming-Dienste fordern das Geschäftsmodell der Rundfunksender heraus und erfreuen sich insbesondere bei den Jüngeren zunehmend an Beliebtheit. Hat traditionelles Fernsehen ausgedient? Wir haben nachgefragt.

Zeitenwende im Nutzerverhalten

Es sind beeindruckende Zahlen die Reed Hastings, Chef vom Streaming-Anbieter Netflix, den Aktionären verkündet: Der Branchenprimus verzeichnet - trotz Preiserhöhung - weltweit einen Kundenzuwachs von 8,3 Millionen allein im letzten Quartal 2017 und kann seinen Quartalsgewinn damit fast verdreifachen. Der Börsenwert des Unternehmens aus dem Silicon Valley übersteigt in der Folge erstmals die 100 Milliarden Dollar Marke. Und da Aktien gewissermaßen eine Wette auf die Zukunft sind, scheint die Botschaft unmissverständlich: Fernsehen gehört die Vergangenheit, Streaming die Zukunft.

Netflix steht dabei symbolisch für eine Zeitenwende im Nutzerverhalten, die wohl gerade erst begonnen hat. Unlängst gibt es in den USA einen Begriff für den Wechsel von Kabel- und Antennenfernsehen zu internetbasierten Angeboten. “Cord Cutting” - zu Deutsch „Kabel kappen“ - heißt der Trend hin zu digitalen Diensten wie den sogenannten Video-On-Demand-Plattformen, die gegen eine monatliche Gebühr einen Zugang zu ihren Mediatheken gewähren.

Eine Frage der Zeit?

Auch wenn sich der Rundfunkmarkt in den USA grundlegend vom bundesdeutschen unterscheidet, setzen die digitale Revolution im Allgemeinen und Streamingdienste im Speziellen zunehmend auch die heimischen Sendeanstalten unter Druck. Bei einer Civey-Umfrage geben bereits heute 55,3 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an, auf Fernsehen verzichten zu können. Bei den über 65-Jährigen trifft dies auf immerhin 30,3 Prozent zu.

Das kuratierte Programm der Rundfunksender mit festen Uhrzeiten und Werbeunterbrechungen verliert also offenbar insbesondere für jüngere Generationen vermehrt an Attraktivität, wenn zugleich die Möglichkeit besteht, wann immer es beliebt („on demand“) aus einem stetig anwachsenden Fundus verschiedenster Formate eigenständig auszuwählen. Zumindest passt diese Erklärung zum immer wieder bemühten Narrativ der Generation Y, die Autonomie in allen Lebensbereichen einfordere und zugleich als digital-affin gilt.

Ob Streaming-Dienste das lineare Fernsehen - also das zeitgleiche Senden und Empfangen von Fernsehprogrammen - tatsächlich ersetzen und die etablierten Rundfunksender vom Entertainment-Thron stoßen werden, wird sich zeigen und auch von den strategischen Entscheidungen und der Erneuerungsfähigkeit letzterer abhängen. Eins steht allerdings fest: Netflix und Co. sägen bereits am Stuhl.

Die Zeit scheint dabei für die Streaming-Anbieter zu spielen. Denn während die Älteren dem Fernsehapparat noch die Treue zu halten scheinen, wenden sich die Jüngeren zunehmend alternativen Angeboten zu. So haben 78,7 Prozent der in Deutschland lebenden 18- bis 29-Jährigen schon einmal einen Streaming-Dienst in Anspruch genommen. Fast jeder Dritte (31,3%) in dieser Altersgruppe nutzt einen solchen Service täglich. Bei den Älteren hingegen gibt es scheinbar noch deutliche Berührungsängste. Etwa drei Viertel (74,6%) der über 65-Jährigen hat noch nie einen Film oder eine Serie bei einem Streaming-Anbieter geschaut.

Götterdämmerung

Gut möglich also, dass Fernsehen, wie wir es heute kennen, in den kommenden Jahren einen ähnlichen Niedergang erfährt wie die gedruckten Tageszeitungen seit der Jahrtausendwende. Vielleicht wird es auch nicht ganz so schlimm. Im Mindesten aber wird es für die Rundfunksender darum gehen, ihren Platz in einer von Grund auf veränderten sowie stark diversifizierten Medienlandschaft zu finden. Herausforderer Netflix jedenfalls schreibt selbstbewusst und nonchalant im Brief an seine Aktionäre: Der Entertainment-Markt sei groß genug für viele erfolgreiche Services. Eine Kampfansage; die Götterdämmerung hat begonnen.

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