Bloß nichts mit Politik! Wenn sich die Tech Szene neue Märkte sucht, um sie mit disruptiven Geschäftsmodellen zu revolutionieren, hat sie den Öffentlichen Sektor stets ausgespart. Das galt bislang für die gesamte Civic Tech-Branche: nachhaltige Planung, Sicherheitsaspekte und komplizierte Freigabeprozesse der Verwaltungsapparate haben mit der Arbeitsweise von Startups nichts gemein. Auch bei Civey sind wir es gewohnt, dass nicht wenige Investoren ersteinmal kritisch auf unser Unternehmen schauen: Politische Ideen schreien nicht nach großem Exit. Doch das kann sich jetzt ändern: Nachdem schon 2015 erheblich mehr Investorengelder in den Markt flossen, kommt es im US-Wahljahr zum Showdown: Die Branche muss nun beweisen, was sie kann.

Hype von allen Seiten

Dabei ist der Hype nicht ganz neu. Schon in den vergangenen Jahren feierte die Branche große Schlagzeilen. Begonnen mit Sean Parker, der die Plattform für politischen Austausch Brigade gründete, über Andreessen Horowitz’ Investment in OpenGov, einer Software, mit der Regierungen ihren Haushalt tracken und visualisieren können, bis hin zu Accela, einer Plattform für Verwaltungen, die 2015 143,5 Millionen Dollar raisen konnten. Es scheint, die ehemalige no go area hat sich in ein attraktives Investmentfeld gewandelt! Maury Blackman, CEO von Accela, selbst vermutet hinter dem wachsenden Investoren-Interesse, die Tatsache, dass sich VC’s zunehmends auf vertikale Geschäftsmodelle fokussierenIst es wirklich nur das? Wir spüren zurzeit ein gesteigertes Interesse von nicht wenigen Business Angels und VCs und glauben, dass sich die Vorbehalte zwischen Investoren und öffentlicher Hand auf beiden Seiten gerade abbauen.

Verwaltungen sehen sich schließlich auch hierzulande einer wachsenden Gruppe Bürgern entgegen, die in allen Lebensbereichen auf digitale Dienste setzen und nur noch wenig Verständnis für Bürokratie mit Geschäftszeiten zwischen 8 und 16 Uhr mitbringen: Berliner sind es zum Beispiel gewohnt, noch am Tag der Bestellung ihre Zalando-Lieferung entgegenzunehmen, müssen aber rund sechs Wochen auf einen Termin im Bürgeramt warten. Das passt einfach nicht mehr zusammen. Neben der langsam aufkommenden Erkenntnis, die Digitalisierung schon so gut wie verschlafen zu haben, wächst in den Behörden zudem auch das Verständnis, dass mithilfe neuer software solutions in massiver Weise Ressourcen gespart werden können. Denn oft genügt nur ein Blick in die Daten, um zu sehen, wo Geld verschwendet wird, bzw. wo mehr Ressourcen benötigt werden.

Und natürlich hat der Hype in den USA auch etwas mit dem Wahljahr 2016 zu tun. Denn nie ist das Interesse so groß an Politik wie im Wahlkampf. Wer es jetzt nicht schafft, Bürger als Nutzer zu gewinnen, kann gleich einpacken. Viele Unternehmen setzen daher alles auf eine Karte und gehen mit ihrem Produkt jetzt online. Und auch etablierte Civic Tech-Unternehmen springen auf diesen Zug auf: zuletzt erst hat change.org eine Plattform gegründet, die Bürgern einen direkten Austausch mit den Kandidaten und bessere Informationen über den Wahlkampf geben soll.

Showdown auch in Deutschland?

Entscheidend für alle Plattformen in den USA wird sein, welches Produkt nach 2016 noch auf Interesse trifft. In Deutschland bleibt es noch ein Jahr länger spannend: bis zum Super-Wahljahr 2017. Und wenn sich das Mindset hierzulande rechtzeitig ändert, sind es vielleicht auch nicht nur US-Platzhirsche, die den deutschen Verwaltungen den Weg in die digitale Zukunft bahnen oder Bürgern effiziente Partizipation zur Verfügung stellen. Das wäre doch mal was.