Das Ende der Zufallsstichprobe?

Selten zuvor haben wir Europäer mit soviel Verwunderung auf den US-Wahlkampf geschaut. Kann es wirklich passieren, dass Donald Trump Präsident wird? Dieser Frage gehen Meinungsforscher in der ganzen USA nach. Dabei ist auch eine heftige Debatte um die Demoskopen selbst entbrannt, die wir bei Civey aufmerksam verfolgen. Anlass war die gemeinsame Ankündigung von New York Times und CBS im Sommer, zukünftig auch mittels einer neuen Form von Online-Umfragen die Stimmung im Land zu ermitteln. Damit wagt sich ausgerechnet das Leitmedium mit den mitunter höchsten Qualitätsstandards in das technologische Neuland, in dem wir forschen: Und hat damit für nicht weniger als einen Eklat in der Branche gesorgt.

Etablierte Methoden und ihre Defizite

Um den Aufruhr über die USA hinaus zu verstehen, muss man einen Blick auf die Methoden der Meinungsforschungsinstitute werfen. Institute, die den Anspruch haben, ein repräsentatives Ergebnis zu ermitteln, arbeiten bislang mehrheitlich mit Zufallsstichproben, also einer Gruppe an Personen, die zufällig ausgewählt worden sind. Um diese Zufallsauswahl, auch probability sample genannt, zu erreichen, werden zum Beispiel Umfragen über das Festznetztelefon durchgeführt. Mit großen Schwierigkeiten. Schließlich haben immer weniger Menschen eine Festnetznummer, geschweige denn sind sie auf dieser tagsüber erreichbar.

Freiwillig statt Festnetz

Wie genau die Online-Umfragen der New York Times aussehen werden, wissen wir noch nicht. Aber die Auguren der Meinungsforschung in den USA mutmaßen, dass die Nutzer in Zukunft selbst entscheiden sollen, ob sie an einer offenen Umfrage teilnehmen oder nicht. Das hat den großen Vorteil, dass die Nutzer viel motivierter sind, Fragen zu beantworten, denn sie machen ja nur bei den Umfragen mit, die sie wirklich interessieren. Dabei fehlt allerdings das Wissen darüber, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie Teil der Umfrage wurden, was bedeutet, dass Rückschlüsse von der Stichprobe auf die Grundgesamtheit erschwert werden. Da keine klassische Zufallsauswahl stattfindet, wird die Stichprobe in solchen Umfragen als non probability sample bezeichnet.

Bislang gab es bei Online-Umfragen – wie etwa von YouGov – nur Mischverfahren. Sie verfügen über ein Panel, zu dem sich Teilnehmer freiwillig angemeldet haben. Im nächsten Schritt werden den Panelteilnehmern allerdings ausgewählte Umfragen eingespielt, die sie beantworten sollen. Reine non probalility Umfragen, das ist wirklich neu.

Das Problem mit der Verteilung

Dass sich ausgerechnet die New York Times (und natürlich wir von Civey) als erstes in das noch unbekannte Feld wagt, hat nicht nur Branchenkenner verwundert. Schließlich warnte das amerikanische Leitmedium noch bis vor kurzem auf ihrer Website sogar grundsätzlich vor Online-Umfragen und erklärte dies damit, dass bei non probability samples nicht jeder in der Gesamtbevölkerung die gleiche Chance habe, befragt zu werden und zudem die Internet-Reichweite weder ausreichend noch gleichmäßig genug über alle Bevölkerungsgruppen verteilt sei. Hier scheint ein echtes Umdenken stattgefunden zu haben.

Wirft man einen Blick auf die Verteilung von Festnetzanschlüssen und Online-Erreichbarkeit in den USA oder Europa und zieht in Betracht, dass für erfolgreiche Umfragen wichtiger denn je ist, die Menschen zur Teilnahme zu motivieren, scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis auch hierzulande Umfrage-Institute über neue Methoden nachdenken müssen. Es bleibt daher spannend zu sehen, welchen Wert non probability samples in der Berichterstattung in Deutschland einnehmen werden.

 

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