Wie gut sind Meinungsumfragen, die online stattfinden? Darüber streitet die Branche bis heute. Möchte man qualitativ hochwertige, repräsentative Meinungsumfragen durchführen, ist es wichtig, dass Verzerrungen zwischen der Stichprobe und der Grundgesamtheit nicht zu groß sind. Mit dem Argument, dass der Anteil der Personen, die das Internet nutzen (Online Coverage), verhältnismäßig gering und nicht gleichmäßig in der Gesellschaft verteilt sei, wurde Online-Umfragen in der Vergangenheit eine mäßige Ergebnisqualität vorgehalten. Ein Blick auf die Zahlen heute zeigt, dass dieses Argument an Stichhaltigkeit verliert.

Verbreitung der Internetnutzung nimmt deutlich zu

Die Weltbank ermittelt jährlich für jedes Land Daten über die Verbreitung der Internetnutzung. Schaut man sich die Entwicklung über die vergangenen Jahre an, stellt man fest, dass der Anteil der Internetnutzer deutlich zunimmt und mit einer Quote von 86,2 % schon 2014 sehr hoch war.  

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Internetnutzer in Deutschland (Quelle: http://data.worldbank.org/indicator/IT.NET.USER.P2)

Der langfristige Trend hat die Diskrepanz zwischen Online- und Gesamtbevölkerung erwartungsgemäß bereits stark verringert. Erstaunlich ist, dass die Internet-Reichweite innerhalb aller demographischer Gruppen, etwa hinsichtlich Alter, Geschlecht und Berufstätigkeit, deutlich zugenommen hat. In vielen Bevölkerungsgruppen haben wir schon heute eine nahezu vollständige Coverage.

Internetnutzung in Deutschland nach Alter (Quelle: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=533)

Natürlich gibt es heute noch einzelne Bevölkerungsgruppen, in denen der Anteil an Internetnutzern gering ist. Zum Beispiel sind Frauen über 65 Jahren weiterhin weniger online als Personen zwischen 25 und 44 Jahren. In dieser Altersgruppe beträgt die Coverage geschlechterübergreifend annähernd 100%. Allerdings ist der Trend zur Internetnutzung auch bei den unterrepräsentierten Gruppen nach wie vor deutlich positiv.

Die Zeit ist reif für repräsentative Online-Meinungsforschung

Man kann also davon ausgehen, dass diese positive Entwicklung einer zunehmenden Internet-Reichweite und der gegenläufige Trend abnehmender Coverage der jüngeren Bevölkerung per Festnetztelefon mittelfristig zu einem Vorteil für Online-Umfragen führen wird. Mit der abnehmenden Verzerrung durch steigende Online-Reichweite verlieren auch die Argumente gegen die Möglichkeit verlässlicher Online-Befragungen an Bedeutung. Übrige Differenzen können schon heute mit Gewichtungsverfahren wie der Poststratifizierung – eine Standardmethode in der Umfrageforschung – präzise in den Hochrechnungen berücksichtigt werden.

Ein Beispiel für dieses Vorgehen waren schon die Prognosen zu Wahlergebnissen in den USA. Interessant dabei: Sowohl die Verbreitung der Internetnutzung insgesamt als auch die Trends weiterhin steigender Coverage ähneln sich innerhalb der demographischen Gruppen in den USA und Deutschland. Es scheint daher nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis auch hierzulande qualitativ hochwertige Online-Umfragen als äquivalente Alternative im Bereich der politischen Meinungsforschung akzeptiert sind.