Civey 21.04.2016 © Goetz Schleser

Im November hat unser Gründer und CEO Gerrit Richter sich im Debattenportal Causa zur Zukunft der Meinungsforschung geäußert. Spätestens seit den Präsidentschaftswahlen in den USA steht die Branche massiv in Kritik.

Schließlich sahen vor den Wahlen fast alle Institute Hillary Clinton vorne. Mit Donald Trump hatten die wenigsten gerechnet.

Kaum jemand nimmt heute noch an Umfragen teil. Ist Bezahlung eine Lösung?

Tatsächlich haben, so Gerrit, Meinungsforscher ein Problem mit dem Wahlvolk. Sie erreichen es schlichtweg nicht mehr. Ein Beispiel: In den USA beträgt die sogenannte Ausschöpfungsquote bei Telefonumfragen nur noch ein Prozent. Das bedeutet konkret: Von 100 angerufenen Menschen verweigern 99 die Teilnahme an einer Umfrage. Umfrageverweigerung ist ein Massenphänomen unabhängig von der politischen Ausrichtung. Dabei ist das Phänomen gleichzeitig relativ neu: Noch in den 80er Jahren nahmen durchschnittlich 72 Prozent der Menschen an Telefonumfragen teil.

Online sind Meinungsforscher_innen daher dazu übergegangen, ihre Teilnehmer_innen zu bezahlen. Sie erhalten pro Umfrage zwischen 50 Cent und 15 Euro als Prämie. Quasi alle Institute im In- und Ausland setzen auf dieses System. Mittlerweile tummeln sich im Internet zahlreiche Vermittlungsplattformen, die auf der Jagd nach Teilnehmer_innen sind und den Weg zu den lukrativsten Umfragen weisen. Selbstverständlich ist dieses Verfahren wissenschaftlich hochproblematisch, denn es verzerrt die Teilnehmerschaft. Unterm Strich liefern bezahlte Online-Umfrage deshalb genauso ungenaue Ergebnisse wie herkömmliche Telefonumfragen.

Fairer Deal für Abstimmende

Erleben wir also den Niedergang der seriösen Meinungsforschung? Mit Sicherheit nicht. Zuverlässige Meinungsforschung setzt nur weiterhin voraus, dass die Menschen freiwillig mitmachen – wie im vor-digitalen Zeitalter der 80er Jahre. Und die Chancen dafür stehen sehr gut: 5,8 Millionen Deutsche äußern sich mindestens einmal pro Woche im Internet zu politischen Themen. Doch die meisten Meinungsforscher_innen haben den Anschluss an die Internet-Welt verpasst: Die Menschen erwarten im Digital-Zeitalter einen fairen Deal, wenn sie ihre persönlichen Daten preisgeben. Dazu bieten sich verschiedene Wege an: Beispielsweise transparentere Verfahren, die es ermöglichen, dass die Teilnehmer_innen einer Umfrage das Ergebnis direkt sehen, so wie das heute schon bei den sehr populären Click-Umfragen im Internet der Fall ist. Oder auch die Option, dass Teilnehmer_innen die Kontrolle über ihre Daten behalten, also beispielsweise auch entscheiden können, wann die Daten wieder gelöscht werden.

Wenn die Meinungsforschung sich den Erwartungen einer digitalisierten Gesellschaft anpasst, kann sie wieder – auch jenseits von Wahlen – dem Volk aufs Maul schauen. Sie kann dafür sorgen, dass nicht Konzerne mit Medienmacht oder Social Media Bots die politische Agenda bestimmen, sondern sie gibt politischen Entscheider_innen zuverlässige Informationen darüber, was ihre Wähler_innen wollen.

Den ganzen Beitrag von Gerrit lest ihr hier. Causa ist das Portal des Tagesspiegels für Argumente und Zusammenhänge. Causa stellt aktuelle politische und gesellschaftliche Diskurse als interaktive Grafiken dar und verbindet so eine schnelle Übersicht und inhaltliche Tiefe, klare Standpunkte und plurale Vielfalt.