Das Meinungsbild ihrer Bürger ist der Stadt Böblingen in Baden-Württemberg viel wert. Sie investiert 25.000 Euro in eine Bürgerbefragung, um zu erfahren, was die Menschen vor Ort über das Kulturangebot denken.

Auslöser dafür war ein Antrag der SPD-Fraktion, das Fleischermuseum der Stadt aus Kostengründen zu schließen. Jetzt geht es allerdings um das Kulturangebot insgesamt. Um möglichst viele der rund 47.000 Bewohnerinnen und Bewohner zu Wort kommen zu lassen, gibt ihnen die Stadt in einem mehrstufigen Verfahren die Möglichkeit, sich zu äußern. Seit dieser Woche können sie einen Monat lang einen anonymen Online-Fragebogen ausfüllen. Außerdem würden persönliche Interviews an öffentlichen Orten sowie Dialog-Veranstaltungen stattfinden, kündigte die Stadtverwaltung Anfang des Jahres an.

Repräsentatives Bild durch Meinungsumfrage

Doch um auch wirklich ein repräsentatives Bild über die Meinung in Böblingen zu bekommen, wird zusätzlich zu Online-Fragebogen und den Dialog-Veranstaltungen noch eine professionelle Meinungsumfrage mit rund 4.000 Einwohner*innen durchgeführt. Die von einem Zufallsgenerator ausgewählten Bürgerinnen und Bürger sollen einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung darstellen und erhalten in den kommenden Wochen Post. Man kann davon ausgehen, dass für die Politiker*innen vor Ort vor allem diese Umfrage die entscheidenden Daten liefert, während die anderen Maßnahmen eher der Öffentlichkeitsarbeit dienen.

Ein solches Vorgehen ist auf kommunaler Ebene kein Einzelfall. Spätestens seit Stuttgart 21 überlegen sich die Verantwortlichen für Stadtplanung nun vorab, wie sie gegebenenfalls Betroffene frühzeitig einbinden können. Dabei wollen sich immer weniger Entscheider*innen auf Gemeindeebene allein auf die klassische Dialogveranstaltung in der örtlichen Mehrzweckhalle verlassen. Der Rückgriff auf die klassische Meinungsforschung ist hier naheliegend, hat aber zwei entscheidende Nachteile.

Meinungsumfragen sind langsam und teuer

Ein zentrales Problem ist der Faktor Zeit, vor allem wenn es sich wie in Böblingen um ein mehrstufiges Verfahren handelt. Während es bei Befragungen auf Bundesebene mittlerweile Anbieter gibt, die mithilfe bestehender Panels in 24 Stunden Antworten liefern, rechnet man in Böblingen erst im Herbst mit Ergebnissen. Meinungsumschwünge, die in der Zwischenzeit zustande kommen, werden nicht eingerechnet. Dabei ist gerade dies relevant für Kommunalpolitiker*innen oder Bundestagsabgeordnete. Selbst wenn sich Politik vor Ort oft langsam bewegt, ist es von Bedeutung zu erfahren, wie sich z.B. bundespolitische Entscheidungen auf die Stimmung gegenüber der Kommunalpolitik auswirken.

Der zweite Nachteil klassischer Meinungsforschung sind die hohen Kosten – Umfragen sind schlicht teuer. Ihre marktüblichen Preise liegen bei etwa 500 Euro pro Frage. Für eine mit 40 Fragen konzipierte Meinungsumfrage sind das satte 20.000 Euro. Das mag für mittelgroße Städte mit millionenschwerem Haushalt vielleicht tragbar sein. Für Kleinstädte, einzelne Fraktionen oder gar Bürgerinitiativen ist das allerdings eine stolze Summe.

Unter diesen Umständen ist es der Stadt Böblingen hoch anzurechnen, dass sie ihre Bürgerinnen und Bürger so umfangreich in den Prozess einbindet. Uns zeigt es, dass wir mit dem Ziel, ein Tool für schnelle, kostengünstige Meinungsforschung auch auf kommunaler Ebene bereitzustellen, den richtigen Weg eingeschlagen haben. Wir sind gespannt, wie sich Böblingen entscheidet und freuen uns, Civeys Umfrage-Tool im nächsten Jahr auch Kommunen zur Verfügung zu stellen.